Die Aufgabe der 7. Schreibaufgabe lautete:
Gründen Sie eine Schreibgruppe
Hier sind die besten Beiträge:
Als ich heute aufwachte, fand ich einen schwarzen Füller und ein leeres Tagebuch auf meinem Nachttisch. „Du bist nicht allein“ hatte jemand mit schwungvollen Buchstaben auf den Einband geschrieben. Daneben lag folgender Brief:
Betreff: Gründung einer Schreibgruppe
Motto: Ich – Wir sind viele
Ziel: Unkompliziertes gegenseitiges Kennenlernen
Eingeladene Mitglieder: Alter Egos, Seelensplitter, andere Identitäten und Persönlichkeiten aller Art
Moderation: Ich, alias Annika Schmidt
An alle, die mit mir in diesem Körper wohnen.
An den, der mir neulich einen 20 Frankenschein in meine alte Strickjacke gesteckt hat. Herzlichen Dank. Der hat mich gerettet, denn ich hatte mal wieder meinen Geldbeutel vergessen. An die, die mir immer meine Schokoladenkekse wegfrisst und an den, der auf dem Gäste-WC im Stehen pinkelt. (Weisst du eigentlich, dass ich jahrelang meinen Ex-Freund deswegen im Verdacht hatte, bis er neulich ausgezogen ist?). Aber Schwamm drüber und Deckel zu. Schliesslich haben wir ein Interesse, gut miteinander auszukommen.
Macht mit, meldet euch! Schreibt eure Geschichte in das Tagebuch, das ich für uns gekauft und auf unseren Nachtisch gelegt habe. Lasst uns versuchen, die Puzzleteile in diesem Buch zu einem Ganzen zusammenzufügen, damit wir „heil“ werden, wie meine Freundin Gudrun das nennen würde. Von Gudrun weiss ich überhaupt erst, dass ihr da seid. Ich hatte schon immer so einen Verdacht. Aber Gudrun, die hat das sofort an unserer Aura erkannt. „Du bist nicht allein“, hat sie gesagt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut mir dieser Satz getan hat.
Gerti Mayer-Biffiger
Sie saß schon vier Stunden am Hrabanus Maurus. Diese Fleuronée-Initiale gelang ihr heute nur mit großer Mühe, sie gab einfach ihr Geheimnis nicht preis. Voller Ehrgeiz hatte sie sich heute früh an die Ausschmückung des Buchstabens gemacht, sie war schließlich die erste Rubrikatorin und wurde nicht selten mit besonderen Aufgaben betreut.
Es herrschte eine konzentrierte Stille im Skriptorium, was sie sehr liebte. Die anderen Nonnen im Raum waren ebenfalls mit ihren Abschriften beschäftigt, es war nur dies leise Kratzen der Gänsekiele auf dem Papier zu hören, unterbrochen von einem gelegentlichen dumpfen Geräusch, welches vom Eintauchen des Schreibgerätes in die Farbgefäße kam.
Es war schon sommerlich warm, die Sonne beschien die tanzenden Staubteilchen auf ihrem Weg durch die Schreibstube.
Der Geruch der Farben verursachte ihr Schwindel, vom Azurit wurde ihr fast übel, wie gerne wäre sie jetzt aufgestanden, oder hätte wenigstens die Beine übereinander geschlagen und eine entspanntere Haltung eingenommen. Aber das war verboten.
Die Gedanken schweiften ab. Sie dachte an das Manuskript, das sie unerlaubterweise bei der Äbtissin eingesehen hatte, als sie zu ihr zitiert wurde wegen einiger Vergehen. Sie dürfe ab sofort keine karolingischen Minuskel mehr in ihre Abschriften kopieren. Es gebe keinerlei Duldung eigener Gestaltung.
Diese fremde Handschrift ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie war geheim und verboten. Eine grenzenlose Lust überkam sie, diese Handschrift nicht nur zu kopieren, sondern selbst eine zu verfassen. Alles in ihr begehrte auf, sie spürte eine Unruhe und Aufgeregtheit, als sie einen Entschluss fasste. Selbst wollte sie schreiben, und ihre Mitschwestern sollten es auch lernen. Sie war gerade dabei, die erste Schreibschule des Abendlandes zu gründen.
Ricarda Eicher
„Was soll ich tun?“, fragte ich erstaunt. Der Vorschlag schien mir doch reichlich weithergeholt und sein Nachklang garantierte noch mehr Arbeit. Gedankenverloren verließ ich das Zimmer, hatte schon vergessen, dass ich gerade eine Frage gestellt hatte. Immer wenn mich etwas stark beschäftigte, verschwamm nicht nur die Umgebung vor meinen Augen, sondern auch meine Ideen verflossen ineinander, bildeten neue Formen.
Ich ging die Karteikarten durch. Meine persönlichen Notizen: Gefühle oder Erfahrungen, Stärken oder Schwächen, nach alphabetischer Reihenfolge dem jeweiligen Vornamen zugeordnet, waren notiert. Ich wollte den Überblick bewahren und für meine Nachfolge Buch führen. Der Alltag bescherte eine Vielzahl an Kontakten. Und jeder Mensch schrieb schließlich Geschichte.
Frustrierend. Von rund achtzig Namen waren nur zwei übrig geblieben. Meine Anforderungen schienen immer noch eher hoch zu sein. Nach dem Zufallsprinzip zog ich drei weitere Karten aus der Ablage. War es nicht auch wichtig, jedem eine Chance zu geben? Eine Zweite? Auch ich hatte mich schließlich während der Jahre verändert. Heute war ich ausnahmsweise gespannt auf das Morgen. Eine Schreibgruppe zu bilden, wer kam auf eine so verrückte Idee. Doch sie hatte bereits Gestalt angenommen!
Luzia Irniger
Die Schüler schauen zum Fenster hinaus, suchen etwas in der Schultasche. Eine dreht sich um, flüstert einem Mitschüler etwas zu. Streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. “Eine Schreibgruppe zu gründen, wäre doch eine gute Idee, um sich auszutauschen, kreativ zu schreiben. Und wenn man viel schreibt, bekommt man immer mehr Spaß daran.”, erläutert die Deutschlehrerin, die in dieser Klasse mit ihrem Unterricht nicht besonders gut ankommt. Mit einer Mindmap stellt sie an der Tafel dar, wie die AG ablaufen könnte. In der Klasse wird es unruhig, Unmutsrufe werden laut, es mischen sich “Da muss man erst recht wieder arbeiten!” und “Eine Schreibgruppe – mit dieser Lehrerin!” Sie schluckt, macht eine Pause, wartet bis es ruhig wird und meint dann, wer Interesse habe, der könne sich ja bei ihr melden, sie schreibe die E-mail-Adresse an die Tafel, sie stände nach der Stunde für Informationen zur Verfügung… es läutet. Schnell verlassen die Schüler die Klasse, sie geht nach Hause. Es ist schon dunkel. Nachdem sie eine Tasse Tee getrunken hat, ckeckt sie ihre Emails. Sie öffnet ein neues Mail: Absender Tünde Eridim. In holprigem Deutsch steht zu lesen: Ich habe groß Interesse an Schreibgruppe für meine Sohn und ich. Wollen gute Deutsch lernen. Bitte um Antwort danke. Simic Putztrupp-Mitarbeiterin Tünde. Versonnen lächelt sie und beginnt an der ersten Aufgabestellung zu tüfteln.
Gabriele Basty
Gründen Sie eine Schreibgruppe
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