Die Aufgabe der 5. Schreibaufgabe lautete:
Ihre Figur verliert vier Tage. Wo? Mit wem? Warum?
Hier sind die besten Beiträge:
Am Anfang war das Wort. Fegte die Figur hinweg, nichts ging mehr. Zwei Tage, drei Tage, ich modellierte die Welt. Am vierten Tage fragte ich: Wo? Mit wem?
Aber die Antwort gefiel mir nicht. Meine Figur dealte mit Ideen im Roman nebenan, baute eine Katharsis, deren Folgen fürchterlich waren.
Ich schwieg, dachte nach und nahm mir Zeit. Bis die Figur zerbrach. Die Schlange hatte ich ihr geschickt.
Anne Lohscheidt
„Was sagst du zu deiner Verteidigung?“ „Zu meiner Verteidigung? Bin ich angeklagt?“ „Ja! Nein. Entschuldige, aber ich hätte gerne eine Erklärung. Wo warst du die letzten Tage?“ „Ich habe dir doch eine SMS geschickt.“ „In der du mir erklärt hast, dass du für ein, zwei Tage verreist, weil dir danach sei und dann bist du vier Tage weg und dein Handy ist ausgeschalten.“ „Es tut mir Leid.“ „Tut dir Leid? Ich bin vor Sorge fast durchgedreht. Also, bekomme ich nun eine Erklärung?“ „Ja. Sie wird dich aber nicht glücklich machen.“ „Das habe ich bereits vermutet. Fang an!“ „Ich habe an der Vernissage vom Donnerstag einen alten Schulfreund getroffen, tja-, also, es hat sich herausgestellt, dass er der Fotograf ist, dessen Fotos ausgestellt wurden.“ Er hob seinen Kopf und schaute sie an. „Und dann?“ „Wir haben uns super unterhalten und ich weiß nicht, wie es dazu kam, doch plötzlich hatten wir diese verrückte Idee, in den nächsten Nachtzug zu steigen und den Tag an dem Ort zu verbringen, an dem wir aussteigen.“ „Und dann habt ihr dort ein paar Tage verbracht?“ „Nein, wir waren für einen Tag in Wien, von dort ging’s mit dem Nachtzug nach Mailand, von wo wir den Nachtzug nach Paris nahmen. Am Tag bummelten wir durch die Stadt und am Abend nahmen wir den Zug nach Genf. Tja und von Genf hierher waren es dann nur noch drei Stunden.“ „Und weiter?“ „Nun bin ich wieder hier.“ „Ich bin aber gleich weg.“ Er stand auf und ging. Sie hielt ihn nicht auf.
Sascha-Irena Wilkesmann
Sie war in seelischer Not und ich als Psychiater versuchte ihr Agatha-Christie-Komplex zu kurieren. Die Sitzungen haben nichts gebracht, ausser der Verschlechterung meiner Finanzlage; sie wurde nämlich meine Ehefrau, so blieben mir viele Arbeitsstunden unbezahlt.
Trotz intensiver Therapie vermehrten sich die AC-Symptome: sie trug altmodische Hüte, aß kiloweise Äpfel, obwohl sie Orangen lieber hatte und unsere Tochter musste Rosalind heißen.
Wenigstens fing sie an zu publizieren: kurze Geschichten in Literaturportalen und Frauenzeitschriften, zuletzt einen richtigen Roman!
Das Honorar war bescheiden, die Schreibe nicht minder, die Kosten für mich aber horrend: zwecks Inspiration unternahm sie nämlich mal eine Kreuzfahrt auf dem Nil, mal eine Reise im Orientexpress.
Immer öfter suchte ich Trost bei meiner Freundin und eines Tages zog ich einfach zu ihr. Darauf kam ihr grösster Coup: sie verschwand wie AC während ihrer Ehekrise anno 1929!
Damit schaffte sie sich eine wunderbare Publicity und hoffte obendrein, dass ich des Mordes verdächtigt werde. Die Polizei verhörte mich auch mehrmals und die Bevölkerung rundum Luzern suchte begeistert nach ihrer Leiche. Nach vier bangen Tagen kam endlich der Anruf aus dem Tessin: sie wurde erkannt anhand einer Vermisstenmeldung mit Foto.
Das wird mir nicht wieder passieren!
Meine neue Freundin ist Lyrikerin und hält nichts von Trivialliteratur. Momentan hat sie eine kleine Schreibblockade, aber das kriege ich in einigen Sitzungen hin.
Anna Rybinski
Der harte Schlag auf den Hinterkopf. Was war passiert? Und: Wo war sie? Sie sah sich um. Sie befand sich in einem kargen, nass-kalten Kellerraum. Gefesselt war sie nicht, aber es gab nur ein ganz kleines, unerreichbares Fenster ganz oben, durch das ein wenig Licht fiel. Die Tür war sicher verriegelt. Vorsichtshalber stand sie auf um es zu testen. Das war gar nicht so einfach, jeder einzelne Knochen tat ihr weh. Wie viele Tage und Nächte mochte sie auf dem harten Boden gelegen und vor sich hingedämmert haben? Und wie lange hatte sie nichts mehr gegessen? Sie hatte Hunger! Die Tür war verschlossen. Sie ließ sich an der Tür zu Boden gleiten. Sie fühlte sich schwach und hatte Angst. Sie hatten den Aufstand geprobt, gegen König Ungur. Sie hatten gewusst, dass es gefährlich war. Aber ihr Plan war genial. Es hätte nichts schief gehen dürfen. Aber es war etwas schiefgegangen. Aber was? Es musste sie jemand verraten haben. Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter. Nein, das durfte nicht sein! Hinter ihr quietschte es und eine Klappe in der Tür öffnete sich, jemand lugte herein. Ein schwacher Lichtschein erhellte den Raum. Eine raue Stimme krächzte: „Nummer 22 wo sind sie? Zeigen sie sich!“ Langsam stand sie auf. Ein Teller mit Essen wurde durch die Klappe gereicht. „Morgen wird ihnen der Prozess gemacht“. Der Mensch auf der anderen Seite wollte die Klappe schließen. „Moment, wo…?“ „Ich bin nicht befugt Fragen zu beantworten“. Die Klappe fiel zu, es war wieder so dunkel wie zuvor.
Jana Zöll
Mein Name ist Franziska Gugel. Ich bin elf Jahre alt und gehe in München ins Sophie-Scholl-Gymnasium.
Im Februar mussten wir in Deutsch einen Aufsatz schreiben mit dem Thema „Eine schlaflose Nacht“. Die drei besten Minigeschichten hat unsere Lehrerin dann im Internet veröffentlicht. Ist schon cool, den eigenen Namen weltweit auf einer Homepage lesen zu können.
Leider habe ich meiner Oma diese Seite gezeigt. Jetzt will sie selber beim Wettbewerb auf schreibstar.tv mitmachen. Weil sie sich aber mit dem PC nicht auskennt, habe ich ihr blöderweise versprochen, die Texte für sie ins Netz zu stellen.
Alle drei Wochen am Sonntag mal ein paar Zeilen tippen und wegschicken, das wäre kein Problem. Aber meine Oma wird mit nichts rechtzeitig fertig. Das erste Mal ist ihr ewig nichts zum Thema „Kaffeekanne“ eingefallen. Das zweite Mal hat sie es nicht bis Mitternacht geschafft, ihre „Literaturkritik“ auf 1500 Zeichen zu kürzen. Das dritte Mal konnte sie sich nicht schnell genug entscheiden, welchen von ihren beiden Texten über die „Beerdigung“ sie einschicken soll. Und heute hat sie mir schon morgens „Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen …“ aus dem „Reineke Fuchs“ vorgetragen, seitdem ist sie nicht wieder aus ihrer Goethe-Gesamtausgabe aufgetaucht. Eins weiß ich aber aus Erfahrung: Sie beim Lesen zu stören gibt nichts als maximalen Ärger. Also auch heute wieder: ein langer, mit Warten verlorener Tag, der vierte inzwischen.
Jetzt reicht’s. Wenn meine Oma unbedingt Milena Moser kennen lernen will und dafür erst den SchreibStar-Preis gewinnen muss, schreibe ich eben die nächsten Texte für sie und setze einfach ihren Namen darunter. Das merkt im www doch sowieso keiner. Im schlimmsten Fall wundert sich später jemand, wenn zur eintägigen „Schreibschule“ keine mittelalte Möchtegernschriftstellerin aufkreuzt, sondern eine nette Dame mit silbergrauen Löckchen.
Helga Blum
Liveticker (für Gérard)
Anpfiff zum Champions League Final:
Er muss verlieren, um zu gewinnen: eine Million, seine Million. Es würde reichen, um seine Familie nach Europa zu holen. Selbst wenn sie ihm auf die Schliche kommen sollten, es gäbe höchstens eine Spielsperre von einem Jahr.
17. Minute:
Er ist der hinterste Mann, spielt Libero, fühlt sich aber nicht frei. Er ist gezwungen, einen Fehler zu begehen, der dem Gegner eine Torchance ermöglicht. Der Ball kommt hoch, er läuft rückwärts, sein Stellungsspiel stimmt, er stolpert: Bahn frei für den gegnerischen Stürmer: Pfostenknaller. Wenn sie sein Spiel durchschauen, würden sie ihn für eine ganze Saison sperren. Er müsste 64 Spiele pausieren.
31. Minute:
Nach seiner Odyssee durch die europäischen Fussballligen, hat er es endlich geschafft: Stammspieler, berühmt für seine Spielintelligenz und Ballsicherheit. An ihm kommt niemand vorbei, der Fels in der Verteidigung. Ein Fehler von ihm ist fatal. Er wäre für 64 Spiele gesperrt, 64 Spiele à 90 Minuten sind 5760 Spielminuten.
44. Minute:
Von hinten holt er den Stürmer von den Beinen. Nicht so brutal, dass er gleich die Rote Karte sieht, aber doch so, dass der Schiedsrichter auf den Penaltypunkt zeigt. Das Publikum pfeift ihn aus. Der Gefoulte schießt – trifft 1:0. War sein Regelverstoß zu offensichtlich? 5760 Spielminuten wären 96 Stunden.
Pause:
Sein Spiel ist aus: game over! Für ihn gibt es keinen Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Wer hat ihn verpfiffen? Egal! 96 Stunden sind 4 Tage.
gabriel fischer
Als ich aufwachte, wusste ich nicht, was schlimmer war, das laute Hämmern an der Tür, das mich geweckt hatte, oder das gleißende Sonnenlicht, das durch die halb geöffneten Vorhänge in mein Zimmer drang und mich blendete.
Ein Mexikaner stand plötzlich vor mir, der mich mit „Wie geht’s, Hombre?“ begrüßte. Er sah mir an, dass ich ihn nicht erkannte. „Ich bin’s, Juan,“ erinnerte er mich. „Tja, so kann’s gehen in Las Vegas. Drei gute Tage und dann verlierst Du. Der Chef will die fünfzigtausend bis Sonntag. Hasta la vista.“ Er verschwand so schnell wie er gekommen war und ließ mich mit meinen Kopfschmerzen allein. Etwas kaltes Wasser half mir, endgültig wach zu werden. In meiner Jacke, die über dem einzigen Stuhl im Zimmer hing, suchte ich nach Zigaretten. Ich nahm die letzte Zigarette und ging vor die Tür des Motelzimmers. Am Ende des Gangs sah ich einen Kaffeeautomaten. Ich holte mir einen doppelten Espresso im Plastikbecher, ließ mich auf einem der Plastikstühle nieder, die auf dem Gang standen, zündete die Zigarette an und genoss den ersten Zug. Mit dem Nikotin kam die Erinnerung. Und plötzlich vermisste ich Anita, mit der ich die letzten vier Tage durch die Kasinos gezogen war.
In meiner Hosentasche fand ich einen Schuldschein über fünfzigtausend. Der Mexikaner hatte also nicht gelogen.
Verena Juette



