Die Aufgabe der 4. Schreibaufgabe lautete:
»Meine Beerdigung …«
Hier sind die besten Beiträge:
Jetzt bedrängte mich meine Tochter damit, dass ich mir Gedanken über meine Beerdigung anstellen sollte. Enterben werde ich sie, wenn sie meinen Tod so herbeisehnt. Immerhin fühlte ich mich mit meinen dreiundachtzig Jahren rüstig und gesund. Widerwillig notierte ich auf einen Zettel: Ebenholzsarg, Standardgrösse, Innenausstattung roter Samt, Blumenschmuck weisse Rosen, keine Lilien, Pfarrer Nägeli, keine Orgelmusik sondern nur Blechblasinstrumente, Leichenmahl Salatteller mit Fleischkäse. Genervt zerknüllte ich das Papier. So viele Forderungen würden meine Tochter zur Weissglut treiben. Kurzentschlossen raffte ich meinen Rock und marschierte zu der Wohnung meiner Tochter. Mein Wunsch bestand aus zwei Dingen. Meinem Sarg sollte ein knallroter Lippenstift und eine Flasche Champagner beigelegt werden. Schliesslich wusste ich nicht, welche Feste auf dem letzten Weg auf mich warteten. Nach dem dritten Klingeln öffnete ich die Wohnungstür meiner Tochter mit dem Reserveschlüssel. Tot lag sie auf dem Boden – Todesursache Herzstillstand. Nun stand ich da und wusste nichts über ihr Begräbnis. Bevorzugte sie einen roten oder rosaroten Lippenstift oder eher Wimperntusche? Dürstete ihr nach Champagner, Wein oder Bier? Ich jedenfalls brauchte jetzt einen Schnaps. Prost und Amen!
Judith Thoma
Am kommenden Montag verabschieden wir uns im Familienkreis von meiner lieben Schwester Lerafta Tezkin.
Obwohl sie als erfolgreiche Schriftstellerin in gewisser Weise eine Person des öffentlichen Lebens war, findet die Beisetzung im kleinen Kreis statt – auch zu Lebzeiten mied sie große Menschenmengen.
Für ihre Leser findet jedoch trotzdem eine Art Gedenkfeier statt. Die Buchhandlung „Um die Ecke“ lädt zu einer Schmökerstunde der besonderen Art ein. Die Lieblingsbuchhandlung Lerafta Tezkins stellt aber nicht nur ihre Werke aus, sondern vor allem auch die Lieblingsbücher dieser geschätzten Autorin. Auf diese Art wollen die Mitarbeiterinnen der Buchhandlung Abschied nehmen und zugleich an die lebensfrohe Buchliebhaberin erinnern, die meine Schwester zeitlebens war.
Die Familie dankt Ihnen allen für Ihre Anteilnahme.
„Weine nicht! Wir sehen uns wieder in Nangijala!“ A. Lindgren, Die Brüder Löwenherz
Kati Fräntzel
Ja, eigentlich wollte ich dabei sein. Bei meiner eigenen Beerdigung. Alle schocken und vor den Kopf stoßen. Ich hab alles ins Detail geplant. Inklusive passender Musik. Triefender Kitsch mit André Rieu sollte es sein. Und meinen Lebenslauf hab ich auch schon geschrieben. In einem Kuvert für den Pfarrer hinterlegt. Ich hab ihnen darin vorgerechnet, wie ich mich ins Zeug legte. Mein ganzes Leben lang. Und wie sie dies immer übersehen haben. So beschäftigt wie sie waren. Mit ihren eigenen Dingen. Beim Schreiben sind mir die Tränen übers Gesicht gelaufen. Und mein Herz wurde mir so schwer. Beinahe hätte ich mich schon da aus dem Fenster geschmissen. So elend und traurig war mir. Da fiel mein Blick auf so irgendeinen bescheuerten Spruch. Von wegen „wer fliegen will wie ein Adler, darf nicht essen wie ein Spatz“. Genau. Das war es! Fliegen wollte ich doch. Nicht länger mehr die Ratte sein. Die es in ihren Augen eh nie schaffen wird. Und ehrlich, weshalb sollte ich denen die Freude machen und leise aus dem Leben verschwinden. Nee. Nicht mit mir. Ich hab dann trotzdem die Spur gelegt. Sorgfältig. In die Schlucht, die zerklüftete. In der man selten die Leichen wieder findet. Beim Eingang, unter einem Baum, hab ich meinen Abschiedsbrief hingelegt. Und anstatt in die Schlucht, da bin ich zum Bahnhof geschlichen. Hab am Automaten ein Billett zum Flughafen gelöst. Und dabei mein altes Ich beerdigt. Hinter mir gelassen. Um fliegen zu lernen. Wie ein Adler. Endlich.
E. I.
Es regnet. Die Tropfen fallen auf die Blätter der Birken, die neben der kleine Friedhofskapelle stehen. Sie platschen auf die Köpfe der kleinen Trauergemeinde, die sie nicht bemerkt, nicht wegwischt. In einem Ozean weißer Rosen und Lilien versinkt eine schwarze Urne mit goldener Schrift im Trauersaal. Mein Name steht drauf. Tränen. Stummes Davorstehen. Betretene Gesichter.
Stopp! So nicht! Leute, ich bin nicht dort drinnen. Schaut nicht auf den Aschebehälter! Schaut nach oben. Ja, hier oben bin ich. Verdammt noch mal! Dort drinnen liegt nur irgendein Konglomerat meiner sterblichen Hülle. Nichts, was wichtig wäre. Weint nicht! Mir geht es gut hier oben. Gestern habe ich mit Freddy Mercury geschwatzt und vorgestern mit Shakespeare die Frage von Sein oder Nichtsein erörtert.
Ich wäre eine gute Menschin gewesen, immer zum Helfen bereit, hätte immer ein Ohr für die Nöte anderer gehabt, höre ich den Trauerredner sagen. Recht hat er. Wäre ich sonst hier oben und könnte Ambrosia trinken und Necktar essen? Und meine Schwägerin nickt dazu. Meine Liebe, das hättest du mir auch mal sagen können als ich noch physisch anwesend war und du mich mit deinem kindischen Gehabe zur Weisglut brachtest. Spar’s dir jetzt. Ach, was rege ich mich auf. Ich bin im Paradies!
Und du mein lieber Mann. Sei nicht traurig. Du musst nur ein kleines Weilchen auf mich verzichten, auf unser gemeinsames Lachen, Witzeln, Frozzeln. Mein Weg wird dein zukünftiger sein. Ich warte hier oben auf dich. Bis bald?
Petra Wilhelmi
„Entschuldigung, bin ich hier richtig? Ich -“
„Hatten sie denn einen Ewigkeitsvorvertrag abgeschlossen?“
„Was? Ich weiß wirklich nicht -“
„Zeigen sie mal, was sie da an Unterlagen mitbringen – ja – ach ja -. Sie waren demnach eingetragenes Mitglied einer irdischen Glaubensgemeinschaft – macht bei ihren Erlebensjahren – macht genau 54,3 Erwartungspunkte. Sie sind ganz richtig hier.“
„Ich komm gerade von der Quarantänestation.“
„Klar doch. Wie jeder Neuzugang. Sie sind schlicht gesagt gestorben, wurden gestern auf dem Planeten Erde beigesetzt.“
„Wie, was bin ich?“
„Doch, doch, sie können kurz Einblick nehmen in die Bilddatei. Schauen sie hier – Moment – das ist die Totale – jetzt die Kapelle von oben – da!“
„Meine B e e r d i g u n g !“
„Schauen sie nur kurz. Sonst bekommen sie ein Daseins-Memory-Effekt. Eine Rückkopplung sozusagen. Damit müssten sie sich wieder ganz vorn anstellen. Vorn, bei der Petrusstelle.“
„Das ist meine – meine Beerdigung – meine -“
„Sag ich doch – Man, sie weinen ja. Oje, aus ihnen wird niemals ein richtiger Engel. Geschweige Schutzengel, nie.“
„Oh, mir wird schlecht, mir wird sterbenselend.“
„Schlecht? Ich sehe da schwarz für sie.“
„Schwarz! Schwarz! Weiß! Weiß! Quatsch – Jaaaa – genau – das ist es – gleich wach ich auf von meiner Beerdigung und dann sind sie für mich gestorben.“
„M a n ! Hören sie, diese Nummer läuft hier nicht mehr, ihre letzte Stunde h a t bereits geschlagen.“
„Aus, aus, meine Beerdigung……“
Hans – Joachim Walter
Irgendwann
bleibt von mir nichts außer ein trister Grabstein,
und das soll es dann gewesen sein,
das Leben.
Versuche jeden Tag alles zu geben,
doch alles was ich wirklich beeinflussen kann,
ist meine Beerdigung.
Die Gästeliste bestimme ich durch meine Worte,
und durch meine Taten die Richtung nach der großen Forte.
Die ausgewählten Blumen durch meine Lieblingsfarben,
und durch meine Rätselhaftigkeit die offenen Fragen.
Meine Unsportlichkeit macht die Größe des Sarges aus,
und mein Wirken führt auf die anwesende Stimmung hinaus.
Ich kann nur hoffen, alles richtig zu tun,
um irgendwann in Frieden zu ruhen.
Mona Jepsen
Da standen sie nun, die lieben Verwandten und Aasgeier. Schniefen und leises Gewimmer war zu vernehmen, während die Sargträger das neue Zuhause meiner Überreste hinabließen. Ich blickte in die Augen der Anwesenden und fühlte Mitleid und Häme in mir aufkommen. Nachdem der Sarg seinen Bestimmungsort erreicht hatte, machten die Träger Platz für die weinenden Angehörigen, Freunde, Bekannte und Nachbarn. Ich befand mich am Kopfende des Grabes und betrachtete die Trauergemeinde. Einige hatten mich sicher geliebt, doch ich machte auch Leichenfledderer in freudiger Erwartung dessen, was sie sich nach meinem Ableben erhofften, unter ihnen aus.
Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, wie sich ihre Mienen in blankes Entsetzten verzerrten, wenn der Testamentsvolltrecker meinen letzten Willen vorlas. Alles was ich zu Lebzeiten auf Erden besaß vermachte ich wohltätigen Einrichtungen.
“Das letzte Hemd besitzt keine Taschen”, lautet ein Sprichwort. Auch die Heuchler, die nur wegen des erhofften Erbes erschienen waren, würden nach ihrem Tod nichts mitnehmen können.
Jutta Wölk
Welch ein erbärmlicher Anblick! Wie ein Häufchen Elend steht ihr da. Mit hängenden Schultern, zu feige, mir in die erloschenen Augen zu sehen. Das schlechte Gewissen drückt euren Blick zu Boden. Verlegen nestelt ihr mit euren Händen, sucht Halt bei Haltlosen, scharrt mit den Füßen aus dem Drang heraus, zu fliehen. Ihr fragt euch, ob ich euch verraten habe, Schuld zugewiesen, eine Nachricht hinterlassen – und wenn ja, wo oder bei wem? – Ein trauerndes Schluchzen hör ich da? Das muss ein Kind sein oder jemand Fremdes. – Verstohlen schielt ihr einen Wimpernschlag lang auf meinen Körper, der hier noch einmal vor euch liegt. Den ihr verhüllen ließet mit reinem Weiß. Ihr wisst um all die Narben auf meiner Seele. Sie könnt ihr nicht bedecken mit Erde, verstecken unter Blumen, die ihr gleich auf mich werft. Spart euch Gebet und Lobgesang, ihr Heuchler! Ich habe meinen Frieden nun gefunden, ich kann gehen. Ihr bleibt gefangen. Weil ihr Täter seid. Euren Erinnerungen werdet ihr nicht entkommen, aber ich bin frei.
Petra Embacher
Schlaf wohl, mein Lieb
zur Ruhe gebettet
in die weiche, dunkle Erde,
die dich wärmend bedeckt,
dich schützt vor allem Bösen.
Die Nachtigall wird dir ein Schlaflied singen,
der Wind dir flüstern einen Gruss.
Fürchte dich nicht, mein Lieb,
denn wir sind dir nah,
wachen über deinen Schlummer,
errichten einen Stein
auf dem in goldenen Lettern dein Name steht
pflanzen eine Rose
und du sollst für immer in unseren Herzen sein
Tabea Petersen



