Die Aufgabe der 4. Schreibaufgabe lautete:
»Meine Beerdigung …«
Hier sind die besten Beiträge:
Meine Beerdigung….? Nun liege ich da, oder besser gesagt, dass was von mir übrig geblieben ist. Ein Häufchen Asche in einer schlichten Urne. Das war sozusagen ein heisser Abgang, immerhin. Soll die Kirche voll sein, muss man jung sterben, so eine alte Weisheit. Und die stimmt. Die Kirche ist voll. Voll von Gaffern und Wundernasen, die es nicht abwarten können meine Familie zu beaugapfeln und sich zu vergewissern, ob die Trauer echt ist, oder ob sie insgeheim froh sind, dass das “Enfant terrible” den Löffel abgegeben hat. Der Pfarrer macht seine Sache gut. “Niemand ist so schlecht wie sein Ruf, und niemand so gut wie sein Nachruf”. So seine ergreifenden Worte. Da und dort wird verstohlen ein Taschentuch gezückt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so vielen Mitbürgern fehlen werde, oder ist das nur der Schmerz der Gewissheit, dass auch ihr Ende naht? Na dann auf zum Leichenschmaus. So günstig kommt ihr nicht wieder zu einer warmen Mahlzeit! Amen.
Christa Zemp-Müller
Ich werde kaltes Blut bewahren und alles friedvoll über mich ergehen lassen. Todsicher!
Anna Rybinski
Meine Beerdigung
Hier stinkts nach abgestandenen Blumenwasser. Dumpf vernehme ich die Stimme des Herrn Pfarrer.
„Vater unser, der Du bist im Himmel.“
Wenn er sich da mal nicht täuscht. Dunkelduster ist es. Ich hänge in einer ollen Gießkanne fest. Die seien auf Friedhöfen die Auffanglager für verlorene Seelen, sagte mir eine Verwandte, bevor sie durch die Löcher des Brausekopfs entschwand. Gleich nach meinem Tod bin ich auferstanden und klopfte bei ihm an. Es täte ihm furchtbar leid, log der Türsteher, der mich an der Himmelspforte nach meinen Durchgangspapieren fragte.
„Kreditkarte dabei? Bundesschatzbriefe? Immobiliengrundbucheintrag?“
Als ich verneinte, nuschelte er was von Vorschrift hier und Erlass da. In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti, er müsse mich abschieben. Auf solche Hiobsbotschaften war ich nicht gefasst. Schließlich habe ich mich nicht freiwillig unters Messer gelegt. Die Bandscheibe. Oh, sagte er, so ein Scheuermann sei kein Kaverliersdelikt. Ob er nicht eine Ausnahme machen könne von dem ganzen Hokuspokus? Da hat er einfach die Tür zugeknallt. Unverschämter Seelenklempner! Ich werde mich beschweren.
„Und vergib uns unsere Schuld.“
Von wegen Vergebung! Verklagen werde ich ihn vorm Jüngsten Gericht.
„Sondern erlöse uns von dem Übel.“
„Hallo, ich brauche einen verdammt guten Anwalt. Hilfe!“
„Amen.“
Unvorstellbar, den Rest meines Todes auf dem Friedhof in dieser Gießkanne verbringen zu müssen!
„Ich will hier raus!“
Astrid Weiss
Denkbar schlecht geträumt letzte Nacht. Ich lag in einem Sarg. Schwere Eiche, immerhin, nicht diese umweltfreundliche Preßpappe, die kaum die Trauerfeier übersteht.
Liege und lausche. Lauschen geht. Die Musik ist schon mal nicht mein Fall, richtiggehend einschläfernd. Auch den Pfarrer kann ich verstehen. Von einer herzensguten Frau erzählt er, die ganz in ihrer Hausfrauenrolle aufging. Ob der mich damit meint?
Liebende Gattin… à propos, wo steckt überhaupt Hermann? Mein Blickwinkel ist nicht der beste von hier aus, dabei sollte ich dankbar sein, daß sie den Deckel nicht zugeklappt haben.
Noch nicht.
Am liebsten würde ich den Kopf heben, aber das wäre wohl zuviel verlangt.
Die Musik ebbt ab, dafür geht das Gemurmel los. Dann kommen sie näher.
Von Hermann kann ich gerade mal ein Stück Bauch erkennen. Lachsrosa schlips, der bei jedem Atemzug einen kleinen Hopser macht. Endlich beugt er sich nach vorne.
„Mach’s gut, Hase.“ Sein Mundwinkel zuckt, und plötzlich kann ich Parfüm riechen, das kommt nicht von meinem Hermann, den muß ich seit zwanzig Jahren unter die Dusche prügeln. Direkt hinter ihm ist die junge Schlampe aus dem dritten Stock aufgetaucht, legt ihm zärtlich ihre manikürte Patschhand auf die Schulter und…
Mit Kopfschmerzen aufgewacht. Neben mir schnarcht mein Moppel gemütlich einem neuen Morgen entgegen. Hauche ihm einen Kuß auf die stoppelige Wange.
Mach dir keine Hoffnungen, Süße.
Ich werde mindestens hundert.
Birgit Böckli
Es ist genau das eingetreten, was ich zu Lebzeiten immer angeprangert habe: nirgends wird soviel geschauspielert wie bei Beerdigungen. Selbst Jo lässt es sich nicht nehmen, den Trauernden zu spielen. Na ja, anderen etwas vormachen, das konnte er auch früher schon, nur die meisten haben es nicht bemerkt. Ich nehme mal an dass er denkt, für ihn fällt auch was ab. Wenn die da unten wüssten, dass ich von hier oben alles genau verfolgen kann – ob sie sich dann anders verhalten würden? Von den meisten weiß ich allerdings, dass sie meinen Tod bedauern. Und man muss auch sehen, dass ich nicht unbedingt immer die Einfachste war. Viele habe ich mit meiner Ehrlichkeit zur Weißglut gebracht, weil ich die Dinge immer angesprochen habe. Ich weiß noch, wie sauer Bernd mit mir war, als ich ihm nach der Beerdigung seiner Frau sagte, dass ich sein Gejammer nicht verstehe, immerhin hätte ihm das doch die Scheidungskosten erspart. Stimmte doch. Jeder wusste, dass er Angelika nach Strich und Faden betrog und die Neue schon in den Startlöchern stand. Jo war auch sauer, er meinte, ich hätte den Mund halten sollen. Na, der wird mich noch verfluchen. Nix mit erben – ich habe alles einem Kinderhospiz vermacht. Das ist der Vorteil wenn der Arzt einem sagt, was los ist. Da kann man sein Haus noch ordnen. Und sollte es jemand mit der Heuchelei da unten zu doll treiben, dann organisiere ich einen Wolkenbruch oder ein kleines Erdbeben, schließlich hatte ich früher auch immer das letzte Wort.
Inge Beer
Die Gruft in der ich beerdigt werde, ist seit 237 die Grabstätte der Familie Strütgen. Auf meiner Beerdigung werden nun wenige Personen anwesend sein. Ein Priester, der Notar, dem ich meine Angelegenheiten übergeben habe, und fünf meiner Neffen. Nur sie sein eingeladen, nach der Trauerfeier am Begräbnis teilzunehmen. Nur Sie sind meine Erben, die anderen wissen, dann das sie leer ausgehen. Die fünf Männer werden Masken der Trauer tragen. Aber eigentlich werden sie nur rechnen. Sie kennen die letzten Bilanzen und spekulieren nun auf die Höhe ihres Anteils. Keiner gönnt dem anderen einen Cent. Bis zur Testamentseröffnung, werden sie Haltung bewahren. Sie werden dem Priester lauschen, werden Gebet sprechen, die ihnen nichts bedeuten und Lieder singen, deren Text sie nicht kennen. Dann werden sie ihre Köpfe am offenen Grab neigen. Sie werden dem Notar folgen, Geldgier in den Augen.
Wenn sie gegangen sind, werde ich aus meinem Versteck hinter der Kapelle hervortreten. Auch ich werde mich am Grab verneigen, dem alten Säufer danken, dem ich jahrelang seinen Fusel geschenkt habe und der in meinem Wagen bis zur Unkenntlichkeit verkohlt ist.
Am Westausgang des Friedhofes wird mein Taxi warten, um mich zum Flughafen zu bringen und wenige Stunden später werde ich über die Weinberge von Porto blicken, die Abendsonne wird mich wärmen und der Rotwein dem Tag angemessen sein. Dann liegt ein Leben hinter mir.
Die fünf Männer werden dann bereits wissen, dass ihnen nichts geblieben ist.
Richard Heinen
Die Sonne strahlt, der Himmel ist wolkenlos. Eine große Menschengruppe steht im Halbkreis um mein Grab.
Mein Bruder an der Seite meiner Mutter in der ersten Reihe. Tränen glitzern in seinen Augen, er lächelt. Er legt meinen Klettergurt neben das Grab. Das Sportklettern – unsere geteilte Leidenschaft.
Meine Mum trägt mein Lieblingsbuch in der Hand. Ich war eine Leseratte. Genau wie sie. Ihre gelbe Jacke lacht mit der Sonne um die Wette. Der Schmerz steht ihr ins Gesicht geschrieben. Trotzdem – sie lächelt.
Meine Freundinnen stehen eng beieinander. So wie immer. Eine für alle, alle für eine. Jede von ihnen hält ein sorgfältig dekoriertes Blatt Papier mit einer persönlichen Widmung in der Hand.
Dein Lachen wird mir fehlen – Schön, dass du bei uns warst – Ich vermisse unsere Gespräche – Für immer in meinem Herzen
Mein Bruder, meine Mutter und meine beste Freundin erzählen Anekdoten aus unserem gemeinsamen Leben. Im Hintergrund ertönt mein Lieblingslied aus den Lautsprechern. Gelächter geht durch die Menschenmenge. Ja, wir hatten viel Spass zusammen.
Alle meine Liebsten sind gekommen, um mir zum letzten Mal eine gute Reise zu wünschen. Farbenfroh gekleidet, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Weil ich mir immer gewünscht hatte, dass meine Familie und Freunde glücklich sind und unendlich viele Gründe zum Lachen haben.
Auf meinem Grab steht ein Schild – von mir selbst gemacht, in meinen letzten Stunden – mit der Aufschrift:
„Ein Abschied auf Zeit – Big sister is watching you!“
Anja Wyser
Mein letztes Mahl
Ich möchte in einem Schokoladensarg beerdigt werden!
Ringsherum sollen Trüffel kleben. Immer schön abwechselnd helle Champagnertrüffel mit sahnig-perlender Füllung und pechschwarze Herrentrüffel mit cremigem Espressoschaum. Meinen Namen und die Daten sollen mit Russisch Brot aufgeklebt werden. Das könnten die Enkelkinder übernehmen. Kunstvolle Ornamente aus Cognac- Bohnen runden das geschmackvolle Bild ab. Ein plätschernder Schokoladenbrunnen steht an meinem Fußende. Dort hinein tunkt man frische Früchte- je nach Jahreszeit vielleicht Erdbeeren oder Mandarinenstückchen und lässt diese Köstlichkeiten dann ganz langsam auf der Zunge zergehen.
Von Innen soll die köstliche Kiste natürlich noch leckerer sein, ist klar, oder?
Ein Kopfkissen aus Luftschokolade, eine Decke aus fein gesponnenem Zucker mit Rosen aus Marzipan; zwischen die Zehen stopft mir bitte Geleebananen. Auf meine Wangen tropft dickflüssiger Türkischer Honig.
Bei der Beerdigung darf jeder einmal lecken, lutschen oder knabbern. Aber nur Außen. Mein letzter Eindruck soll ein sinnlicher sein, ich möchte einen guten Geschmack hinterlassen.
Und ist der Sarg schließlich herabgelassen worden in die warme Mutter Erde, sprüht bitte letzte Grüße mit Sahne hinterher.
Wenn ich dann so gemütlich und in aller Seelenruhe genüsslich vor mich hinmodere, habe ich die Nase voller guter Dinge.
Susanne Schmidt
… ist schon ein ganzes Weilchen her. Damals war ich süße 17, nein: bin es noch immer – sehe aber nicht mehr so aus. Meine eigene Bude habe ich zwar, allerdings ist es verflucht eng in dem stickigen Kasten. So hatte ich mir meine Ein-Zimmer-Wohnung nicht vorgestellt. Das dunkle Holz erinnert mich an mein erstes Ikearegal; die Innenausstattung lässt echt zu wünschen übrig, null Komfort! Da haben meine Alten wieder an der falschen Stelle gespart. Aber das ist keine Überraschung. Klamotten oder Möbel kaufen war mit meinen Eltern schon immer unmöglich. Das steinharte blassrosa Kissen beißt sich auch ganz furchtbar mit meinem Gruftiteint. Und das spießige Kleid, in dem der Rest von mir steckt, hätte ich zu Lebzeiten niemals angezogen! Eigentlich schade drum, um meinen gestylten, gepiercten und haarlos gewachsten Body, in den ich so viel Zeit und Geld investiert habe. Nur meine Amalgam freien Zähne trotzen der Zeit, die vergeht – auch ohne mich … Mann, du Mistviech, weg da! Es wimmelt von Ungeziefer; muss ähnlich schlimm sein, wie in dem New Yorker Appartement, von dem meine Freundin Ivy mir erzählte, bevor sie uns beide gegen die Eiche fuhr.
Meine Nachbarn sind ganz nett, allerdings recht schweigsam. Keine laute Musik, keine Fickgeräusche, nicht mal Staubsaugerdröhnen … Laaaaaangweilig! Ich will umziehen. Mein Gott, wie lange soll das denn noch so weitergehen …
Barbara Schilling
Moment mal, Frau Mori!
„Das ist einfach makaber. Finden Sie nicht auch, Frau Mori?“
„Was regen Sie sich so auf? Es ist doch bloß eine Anzeige.“
„Ich mag schwarzen Humor, aber das geht zu weit. In meinem Alter seine eigene Todesanzeige lesen zu müssen, kann tödlich enden.“
„Es steht ja nur, dass Ihre Krankheit stärker gewesen sei als Sie.“
„Ja, und dass meine Beerdigung am 4. Mai stattfinden würde.“
„Das ist in drei Tagen.“
„Wäre!“
„Wäre?“
„Moment mal, Frau Mori! Ich fühle mich pudelwohl und will noch nicht sterben.“
„Aber Sie müssen!“
Er knallte die Zeitung auf den Tisch und sah der jungen Frau von der Spitex direkt in die Augen.
„Es ist mir bewusst, Frau Mori, dass wir alle einmal sterben: Das Leben ist tödlich.“
„Versetzen Sie sich einmal in meine Lage. Seit mehr als einem halben Jahr suche ich nach einer Wohnung, durchkämme täglich die Wohnungsinserate und Todesanzeigen. Doch bisher hatte ich immer Pech. Es kam mir immer irgendjemand zuvor.“
„Na und? Was hat das mit mir zu tun?“
„Sie haben mich doch als Nachmieterin empfohlen. Ihre Wohnung gefällt mir. Dieses Mal kommt mir niemand zuvor.“
Auf einen Schlag wusste er, warum der Kaffee heute Morgen so bitter schmeckte.
Gabriel Fischer



