Die Aufgabe der 4. Schreibaufgabe lautete:
»Meine Beerdigung …«
Hier sind die besten Beiträge:
Mein Lieblingslied.
Rain Song, wie aus weiter Ferne, als hätte ich was an den Ohren.
… I’ve felt the coldness of my winter … I never thougt it would ever goouoo …
Gedämpftes, aber stetiges, hemmungsloses Schluchzen.
Kannst du nicht mal die Klappe halten, Heulsuse? Ich will das hören! Das ist Jimmy Page da an der Gitarre.
„… hat Großes geleistet in ihrem Leben …“
Wer quatscht denn da rein?
“… werden sie sehr vermissen …“
Und was ist das für ein Gepolter? Regnet’s?
… upon us all … just a little rain must fall …
Mein Herz nimmt Fahrt auf. Bu-bumm, bu-bumm, es beginnt, den Rhythmus der Musik mit zu hämmern.
Ich öffne die Augen. Alles schwarz.
Ich wusste es. Led Zeppelin hat mir schon oft das Leben gerettet.
Ich taste nach dem Klingelknopf über mir und warte, bis der letzte Akkord verklungen ist, bevor ich draufdrücke.
Soviel Zeit muss sein.
Gesa Sumowski
Meine Beerdigung – als logische Konsequenz meines plötzlichen und unerwarteten Ablebens hat mich in vielerlei Hinsicht völlig unerwartet getroffen. Genauso wie der Bus, auftauchend aus dem Nichts und die Tatsache, dass der zu meiner Rettung gerufene Krankenwagen aufgehalten wurde, durch den tragischen Herztod seines Fahrers. Und all das nur, um wieder einmal irgendwo zu landen, mit dem starken Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Doch da mir zu diesem Ereignis beim besten Willen keine glaubwürdige Entschuldigung eingefallen war, musste ich wohl oder übel daran teilnehmen! An diesem Gefühl änderten auch nichts die klerikalen Riten, mit denen der Pfarrer die Feierlichkeiten eröffnete. Aufhorchen ließ mich erst die Verlesung meines unglaublich kreativ frisierten Lebenslaufes, dessen Inhalt mich sicher umgehauen hätte, wenn ich körperlich noch dazu in der Lage gewesen wäre. Was mich kurzfristig leider wieder an den Grund meiner Anwesenheit erinnerte! Liebevoll und warm, hart am schwülstig werdend vorbeischrammend, beschrieb er mein Leben, Wirken und Sein. Hätte ich noch einen Brustkorb gehabt, wäre er mir vor Stolz geschwollen – Lügen hin oder her. Doch irgendwann wurde es selbst mir, immerhin Hauptdarsteller dieser Seifenoper zuviel. Ich war froh, als das Ende in Sicht kam. Denn langsam befiel mich die Angst, meine Asche könnte anfangen zu glühen, aus Scham über so viel Verlogenheit. Auf jeden Fall war mir das eine Lehre und ich habe mir geschworen, nie wieder so eine Veranstaltung zu besuchen.
Joachim Kübler
Ich mag mein blaues Seidenkleid. Zu den wundervollsten Festen hab ich es getragen. Warme Sonnenstrahlen streicheln sanft meine Haut und ich fühle mich so leicht und frei wie ein Vogel. Mein Seidenkleid flattert im Hauch des Windes und streift meine Beine wie Federn. Auf meinen weißen Ballerinas schwebe ich mit einer Leichtigkeit über den Boden, als hätte ich Flügel. Fast tänzelnd und vom sonnigen Tag beflügelt gehe ich durch das mit Lilien geschmückte Tor und befinde mich inmitten einer Trauergesellschaft. Seufzen und schluchzendes Gemurmel. Die Kirchenglocken beginnen zu läuten. Laut und schwer. Die Menschen verstummen. Die Musik einer Orgel erklingt. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Wie vom Blitz getroffen renne zur Kirche und öffne das große schwere Tor. Einige Personen sitzen geknickt auf den Holzbänken und weinen. Einzelne räuspern sich, beginnen zu husten oder sich die Nase zu putzen. Ich bewege mich Richtung Altar. Niemand rührt sich. Nicht eine Person schaut auf. Die kühle Luft der Kirche lässt mich frösteln. Die Musik der Orgel hallt in meinen Ohren. Verzweifelt schaue ich auf meine nackten Füsse, welche leise über den kalten Boden tapsen. Wo sind meine Ballerinas? Ich stehe vor einem Sarg. Mit zitternden Händen rücke ich den Deckel etwas beiseite und halte den Atem an. Mein blaues Seidenkleid. Ich betrachte die schluchzende Gemeinschaft in den Bänken. Meine Eltern, meine Freunde.
„Mein Abschiedsfest“, flüstere ich.
Karin Pertl
Morgen, Mama, wird’s was geben.
Auf dem Friedhof. Eine Feier mir zu Ehren, für mich ganz allein. Wo Mama nur an mich denkt. Wo sie weinen wird und klagen, weil sie sich nicht genug um mich gekümmert hat.
Mein Leben lang hat sich alles nur um Alex gedreht: wie gut seine Noten sind, wie wundervoll er Geige spielt, wie nett ihn die Nachbarn finden. Egal was wir Kinder getan oder nicht getan haben, immer war ich das hässliche Entlein, mein großer Bruder der Schwan.
Eins aber konnte ich besser als er – schöner sterben. Alex ist bei Glatteis mit ein paar anderen aus seiner Klasse im Schulbus getötet worden. Nach einer gemeinsamen Trauerfeier für alle hat man sie bei Schneematsch und Graupelschauern beerdigt. Er war bestimmt keine schöne Leiche. Nicht so wie ich. Ich habe mein Lieblingskleid mit den blauen Blümchen an, bin ordentlich frisiert und sogar geschminkt worden für morgen, meinen großen Tag. Die Trauerfeier wird ein Fest für mich. Mama wird am offenen Grab viele Hände schütteln und allen, allen sagen, wie sehr sie ihr kleines Mädchen vermisst.
Zum Glück haben mir die drei Schachteln aus ihrem Nachtkästchen geholfen, ganz schnell und sauber in ihrem warmen Bett einzuschlafen.
Helga Blum
Meine Beerdigung musste ja scheitern, war doch ein Widerspruch in sich. Auch wenn sie erfreulich anlaufen konnte:
Die Kapelle bebte vom Schluchzen, Tränen schlugen Schneisen der Verwüstung in die blassen Gesichter. Ich selbst lag bequem auf meinem Polster und konnte den Ausblick genießen. Nur ab und zu, wenn mein Totenhemd mir ins Sichtfeld geriet, musste ich daran denken, wie das hier mein Leben betraf.
Draußen allerdings rollte ein Kugelblitz über den Friedhof und erschreckte ein Häschen. Das Häschen rannte los, in einen Haufen wirbelnder Blätter, und stürzte kopfüber in eine Grube. In meine Grube.
Die Wände waren steil, das Häschen schien ungelenk, und nach einer Weile des Zappelns kam es auch noch nieder und warf zwei weitere Häschen. Mitten auf den blanken Boden unten in meinem Grab. Sie legten sich hin und wagten nicht aufzusehen.
Bald schaukelte ich in meinem Kasten heran, die anderen Leute schlurften weinend durch das Unwetter, wohl auf ein baldiges Ende hoffend. Doch die Sargträger mussten innehalten am Rand der Grube.
„Häschen!“, rief meine Tochter verblüfft. Die Gemeinde raunte und drängte nach vorn. Ich wurde zur Seite gestellt.
Mit einem Stock und einem Netz versuchte man, die Häschen zu angeln. Ohne Erfolg. Stundenlang. Immer lauter rief man dabei, immer legerer stützte man sich auf meinem Sarg ab. Als es Abend wurde, karrte man mich lieblos in die Kapelle zurück.
Da beschloss ich, aufzustehen und die gesamte Veranstaltung abzublasen. Meine Beerdigung – ein Widerspruch in sich.
Anne Lohscheidt
Sie sahen ziemlich geschockt aus. Vielleicht hätte ich mehr schreiben sollen. Mehr als nur “Macht euch keine Sorgen, die Beerdigung ist organisiert und bezahlt. Ich habe euch lieb!”
Jetzt schwebe ich hier über ihnen, sehe ihre entsetzten Gesichter und wünschte ich hätte wirklich mehr geschrieben. Irgendetwas wie, es ist nicht eure Schuld, Ihr hättet nichts tun können…
In dem Raum ist es ruhig. Es stehen wunderschöne große Kerzenständer entlang des Ganges. Der Sarg ist aus mattem schwarzen Holz. Schwarz war schon immer meine Lieblingsfarbe. Sie soll mich jetzt auch in die Ewigkeit begleiten.
Ich habe bestimmt das der Deckel zu bleiben muss. Keiner soll mich so sehen. Ich hasse es, wenn man mich anstarrt! Früher wäre ich da am liebsten geflüchtet.
Außer meiner Familie stehen da noch ein paar Menschen. Ich habe sie nie getroffen und doch liebe ich sie. Es sind Menschen, die mich besser kennen als sonst Jemand, die mich verstehen, mein Geheimniss kannten…
Es tut gut sie zu sehen. Das Gefühl geliebt und vermisst zu werden ist schön. Es lässt mich, meinen Geist ruhiger werden.
Ich höre der Erde zu, wie sie auf den Deckel prasselt und lasse los.
Da ist nur noch Ruhe, nichts als Ruhe! Ich kann endlich schlafen…
K. Scholz
Ihre Mutter hatte früher immer gesagt, dass sie aussehe, als ob sie zu ihrer eigenen Beerdigung ginge. Damals verließ Anne nur schwarz gekleidet das Haus. Das hatte sich bis heute nicht geändert. Jetzt trug Anne ihre schwarzen Kleider wie eine Uniform. Ihr Beruf verpflichtete sie schließlich dazu. Bevor Anne durch die großen Glastüren die neue Bibliothek betrat, zupfte sie ein langes blondes Haar von ihrem Rollkragenpullover und strich den engen Rock glatt. Im Foyer der Bibliothek sollte heute die Eröffnungsfeier stattfinden. Am Rednerpult stand bereits der Baudezernent, der als Vertreter des Bürgermeisters zur Einweihung der neuen Bibliothek ein paar lobende Worte sagen sollte. Aufgrund zahlreicher Skandale war das Gebäude erst vor wenigen Tagen mit erheblicher Verspätung fertig gestellt worden. Nach einer langatmigen Begrüßung der anwesenden Honoratioren setzte der Baudezernent gerade zum Lob des Architekturbüros an, das den Bau entworfen hatte und für das Anne arbeitete. Plötzlich erschütterte ein Beben das Gebäude. Statt lobender Worte fielen Steine. Betonpfeiler kippten, die Decke brach durch, Wände stürzten auf die Gäste. Das Haus kollabierte. Anne hatte fast den Eingang erreicht, als sie ein Stück Decke im Rücken traf. Sie wurde zu Boden gerissen, der Betonbrocken, der sich aus der Decke gelöst hatte, begrub sie unter sich. Bevor Anne ihr Bewusstsein für immer verlor, dachte sie noch, dass sie wenigstens für diesen Anlass passend gekleidet war.
Verena Juette
Meine Beerdigung? Mein Gott, ich bin noch nicht unter der Erde, und ihr fragt nach der Beerdigung. Warum nicht Befeurigung? Oder Bewässrigung? Beluftigung?? Ha, oder doch eher Belustigung? Ja genau! Seid doch nicht so tranig, ihr angepasstes Gesindel, so heuchlerisch und verlogen! Seh ich euch dann nicht von da oben? Oder meint ihr eher von unten. Ja, ich spüre eure Häme. Wie werd ich mich amüsieren über euch, eure Gedanken lesen und höhnisch sagen, ja, ich habs immer gewusst! Was ich will? Ich will, dass ihr alle nach Paris fahrt, zieht alle rote Kleider an, steigt auf den Eifelturm, schreit, brüllt, nehmt mich mit und verstreut meine Asche über meiner so sehr geliebten Stadt!! Es ist ganz leicht, ihr werdet sehen, und ihr sollt bitte weiter lügen, um mich weinen, euch nach mir sehnen, wenigstens so tun, denn eigentlich will ich doch gar nicht gehen, ich hänge noch an euren Lügen..
Ricarda Eicher
Es ist genau das eingetreten, was ich zu Lebzeiten immer angeprangert habe: nirgends wird soviel geschauspielert wie bei Beerdigungen. Selbst mein Ex Jo lässt es sich nicht nehmen, den Trauernden zu spielen. Na ja, anderen etwas vormachen, das konnte er auch früher schon, nur die meisten haben es nicht bemerkt. Ich nehme mal an dass er denkt, für ihn fällt auch was ab. Wenn die da unten wüssten, dass ich von hier oben alles genau verfolgen kann – ob sie sich dann anders verhalten würden? Von den meisten weiß ich allerdings, dass sie meinen Tod bedauern. Und man muss auch sehen, dass ich nicht unbedingt immer die Einfachste war. Viele habe ich mit meiner Ehrlichkeit zur Weißglut gebracht, weil ich die Dinge immer angesprochen habe. Ich weiß noch, wie sauer Bernd mit mir war, als ich ihm nach der Beerdigung seiner Frau sagte, dass ich sein Gejammer nicht verstehe, immerhin hätte ihm das doch die Scheidungskosten erspart. Stimmte doch. Jeder wusste, dass er Angelika nach Strich und Faden betrog und die Neue schon in den Startlöchern stand. Jo war auch sauer, er meinte, ich hätte den Mund halten sollen. Na, der wird mich noch verfluchen. Nix mit erben – ich habe alles einem Kinderhospiz vermacht. Das ist der Vorteil wenn der Arzt einem sagt, was los ist. Da kann man sein Haus noch ordnen. Und sollte es jemand mit der Heuchelei da unten zu doll treiben, dann organisiere ich einen Wolkenbruch oder ein kleines Erdbeben, schließlich hatte ich früher auch immer das letzte Wort.
Inge Beer
Meine Beerdigung… Diese Aufgabe passt mir ja gar nicht. Ich bin doch noch so jung. Viel zu jung um mir Gedanken über meinen Tod zu machen. Ich sollte mir viel eher Gedanken über mein Leben machen. Mein Leben und was ich mir davon erwarte. Andererseits: Man kann nie wissen wann es soweit ist. Dir kann jederzeit ein Flugzeug auf den Kopf fallen. Naja, zumindest wenn nicht grade ein isländischer Vulkan ausgebrochen ist. Aber wenn du dann gerade in Island bist, geht es dir auch nicht unbedingt besser.
Der Tod gehört nun mal unweigerlich zum Leben dazu. Warum also nicht über die eigene Beerdigung nachdenken? Wird sie eine Party oder eher eine Trauerveranstaltung? Was würde ich mir wünschen? Werden viele da sein oder wird es eine Veranstaltung im engsten Familienkreis? Wird mich jemand vermissen? Es gibt Menschen bei denen ich mir wünschen würde, dass sie mich vermissen würden, weil es mir umgekehrt genauso ginge. Aber woher soll ich es wissen? Und auch wenn ich mir wohl eher eine riesige Party wünschen würde, warum soll ich meine Beerdigung planen? Es würde nur eine weitere Party, die ich verpasse. Es ist also müßig sich darüber Gedanken zu machen. Da zitiere ich lieber Annett Louisan: „Wie kriege ich die Zeit bis zu meiner Beerdigung noch rum?“. Denn mein Leben kann ich selbst mitgestalten und vor allem miterLEBEN. Wenn ich tot bin kann ich vermutlich nicht mehr viel miterLEBEN. Zumindest möchte ich mich nicht darauf verlassen.
Jana Zöll



