Die Aufgabe der 4. Schreibaufgabe lautete:
»Meine Beerdigung …«
Hier sind die besten Beiträge:
Meine Beerdigung ist auf halb Zehn angesetzt. So früh wäre ich im Leben nicht aufgestanden, aber die Zeit hat Papa festgelegt. Das war ihm immer ein Dorn im Auge: sein Sohn, der Langschläfer. Der Nichtsnutz. Dass aus mir nichts werden würde, hat er mir gesagt, seit ich damals die Geige gegen eine Stunde Autoscooter getauscht hatte. Ich war zwölf Jahre alt; den Mann vom Jahrmarkt haben wir hinterher natürlich nie wieder gesehen. (Nicht dass ich ihn, wenn doch, verraten hätte.) Rückblickend war das noch eine der harmloseren Geschichten; armer Papa – all die Jahre das Mitleid der Verwandtschaft.
Nun sitzen sie da, in Schwarz, Tragödie gucken. Papa in der ersten Reihe tupft sich die Tränen ab. Vermutlich sind es echte; schließlich bin – war – ich sein einziger Sohn. Nach Jahren des Benörgeltwerdens endlich zur Vernunft gekommen, von einer aussichtsreichen Firma eingeladen – und dann doch nicht zum Gespräch erschienen. Das lag an der Linie Sieben: Der Tramfahrer traumatisiert, die Landwehrstraße stundenlang gesperrt, Meldung im Lokalteil. Papas einziger Trost ist wahrscheinlich, dass es mich im Anzug erwischt hat.
Wie ging noch gleich der alte Witz, der mit der Grabinschrift: „Hab ich’s dir nicht gleich gesagt“? Den würde ich jetzt gern erzählen und gucken, wer von der Beerdigungsgesellschaft lacht.
Lakritze Schwarz
Ich kann den Wind spüren. Er ist warm und stark. Das weiche schaukeln des Schiffes auf den Wellen des Atlantischen Ozeans. Auf einmal bin ich auf diesem kleinen Motorboot. Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist das sorgenvolle Gesicht des Notarztes. Ich denke angestrengt nach. Dunkel, nur dunkel und jetzt das hier.
Der Dieselmotor des Bootes wird gedrosselt und verstummt dann komplett. Jetzt kann man nur noch das Plätschern der Wellen hören. Und noch ein anderes Geräusch fällt mir auf. Jemand weint. Es ist mein Mann. Er steht mit gebeugten Schultern an der niedrigen, hölzernen Reling der Steuerbordseite und hält etwas fest an sich gepresst.
Eine Urne. Sie ist aus Bronze und mit weißen Lilien geschmückt, meinen Lieblingsblumen. Schwach kann ich ihren Duft durch den salzigen Wind wahrnehmen.
Er wischt sich mit dem Jackenärmel über das Gesicht und nickt entschlossen. Dann küsst er das Gefäß und lässt es sanft ins Meer gleiten. Ich sehe, wie seine Lippen sich bewegen, aber der Wind ist zu laut, ich verstehe seine Worte nicht. Aber dann lächelt er traurig. Die Urne geht schnell in dem kristallklaren Wasser unter. Die Lilien schwimmen auf den Wellen.
Auf einmal beginnen alle Farben zu verblassen, wie auf einem Aquarell. Ich bin glücklich, denn ich liebe das Meer. Nirgendwo sonst hätte ich meine letzte Ruhe finden wollen. Gern wäre ich noch ein wenig geblieben, aber das tiefe Blau wird dunkler und dunkler.
Andrea Meyer
„Liebe Trauergemeinde, wir haben uns heute hier versammelt…“
Louise liess ihren Blick über die halbvollen Bankreihen schweifen. Sie musste grinsen. Wie ernst sie da sassen.
Alle waren sie gekommen.
Franziska, die vermutlich ihren Job übernehmen würde. Undine, die schon lange in Frank verliebt war. Frau Meyer, die sie im Treppenhaus stets so gut wie irgend möglich ignorierte. Alle trugen sie schwarz und beteuerten ihre Trauer.
Aber auch ihre Mutter, die hilfsbereite Lise oder Frank waren da. Sie alle sahen erschreckend alt und mitgenommen aus. Louise hätte es ihnen gern gesagt. Dass sie ein trauriges Bild abgaben. Die Ruhe, in die sie sich alle hüllten, beunruhigte sie ein bisschen. Es roch nach nassen Mänteln. Natürlich, regnet es an meiner Beerdigung, dachte Louise.
Sie entdeckte Gäste, die sie schon längst vergessen hatte. Ihre Lehrerin zum Beispiel, Fräulein Blum. Immer noch mit einem strengen Chignon. Oder Bertha, eine alte Arbeitskollegin.
„Freunde und Verwandte sin im Anschluss recht herzlich zum Leichenmahl im Restaurant Hirschen eingeladen.“
Erst, als sie Alex, ihre erste grosse Liebe entdeckte, wünschte Louise sich zum ersten Mal, sie hätte überlebt. Als sie sah wie ihre Mutter auf Alex zuging und ihn aufforderte, doch auch noch in den Hirschen mitzukommen, weinte sie zum ersten Mal. Vielleicht hätte sie doch noch die eine oder andere Aufgabe zu lösen gehabt.
„Gehet hin in Frieden.“
Milena C.
Stille. Es ist so leise, man könnte eine Feder hören die zu Boden geht.
Ein in schwarz gekleideter Mann trägt schweigend eine Urne Richtung eines abseits befindenden Grabes. Alleine legt er die Urne ins ausgehobene Grab.
Sein tägliches Brot verdient er mit Beerdigungen und etwas Besonderes oder gar Schlimmes ist es nicht mehr für ihn. Jede Beisetzung und Trauerfeier ist anders und doch gleich. Meistens sind Menschen dort und trauerten, weinten.
Bei diesem jungen Mädchen ist es nicht so. Keiner ihrer Angehörigen ist bei ihrer Beerdigung anwesend. Ihr Vater ein reicher und angesehener Mann ist auf einer wichtigen Geschäftsreise und der plötzliche Tod seiner Tochter kein Grund früher zurückzukehren. Ihrer Mutter passen die Termine der Beisetzung nicht. Neben Frisör und Nagelstudioterminen bleibt keine Zeit ihrer verstorbenen Tochter die letzte Ehre zu erweisen.
Der Mann betet kurz. Sie ist hübsch gewesen. Vor einigen Wochen hat das Mädchen ihr Abitur mit Bravur bestanden und ein großes Porträtfoto von ihr ist in der örtlichen Zeitung abgebildet gewesen.
Eine glänzende Zukunft ist dem Mädchen entgangen. Was mag bloß passiert sein?
Vermutlich ist sie ertrunken, in einem kleinen See ganz in der Nähe ihres Hauses. Doch ist sie nicht vor einem Jahr noch beim DLRG gewesen?
Plötzlich fällt dem Mann auf, welche Person noch in ihrem Leben präsent war.
Dieser dunkelhaarige Junge, der schon mehrmalig Bushäuschen in Brand gesetzt hat und der seit ihrem Tod verschwunden war. Ist der Junge etwa der Mörder?
Warum schweigen dann aber ihre Eltern und legen Desinteresse an den Tag? Ist der Tochter vielleicht aufgefallen, was für Machenschaften ihre Eltern treiben?
Vereinzelte Regentropfen landen auf der Urne und laufen langsam an ihr hinunter.
Sabrina Reich
Als ich die Augen öffnete, blickte ich in unendliche Schwärze. Wo war ich? Was war geschehen? Träumte ich?
Dann erschlug mich die plötzlich aufkommende Erinnerung und ich geriet in Panik.
Der Unfall war in mein Gedächtnis zurückgekehrt: Ich war auf der A 2 in Richtung Hannover unterwegs gewesen, als ich bei einer Geschwindigkeit von circa 150 km/h frontal mit einem Geisterfahrer zusammenstieß. Meine Schlussfolgerung konnte demnach nur bedeuten, dass ich tot war.
Augenblicklich begann ich aus Leibeskräften zu schreien. Wild hämmerte ich auf dem Rücken liegend mit den Fäusten gegen eine unsichtbare Wand. Tränen rannen wie Sturzbäche an meinen Wangen herunter, als ich unverhofft Stimmen vernahm.
Das kurz darauf einbrechende Licht ließ mich meine Lider zusammenkneifen und es dauerte einen Moment, bis ich klar sehen konnte.
Zwei entsetzt schauende Sargträger halfen mir aus dem hölzernen Gefängnis heraus und hoben mich über den Grabesrand. Meine Mutter brach augenblicklich zusammen und landete fast in meiner letzten Ruhestätte.
Im letzten Moment konnte ich dem Sensenmann entfliehen.
Gevatter Tod muss noch ein Weilchen warten!
Jutta Wölk
Aufgebahrt in einem Blumenmeer und diversen handgeschriebenen Karten der Hinterbliebenen, steht mein Sarg an der Nordseite der Kirche. Auf den Bänken, bekannte und teilweise unbekannte Gesichter. Fassungslosigkeit und Trauer, paaren sich mit leisem Wimmern und Sturzbächen aus Tränen. Den meisten, wird erst an diesem Tag richtig bewusst, wie viel ich Ihnen bedeutete und sie bereuen die verstrichene Zeit, in der sie vergaßen mir das zu sagen. Nun bleibt die Erinnerung an meine Person, an meinen Charakter und mein Leben, welches alle auf eine unterschiedliche Art begleitet haben. In der ersten Reihe, meine Mutter. Tränenerfüllte Augen und mein Bild in den Händen. Direkt hinter ihr, mein Sohn und seine Mutter, die Hände zum Gebet. Meine ehemals beste Freundin, mit ihrem Freund an der Seite, erkennt an diesem Tag die Fehler die sie machte. Der Pfarrer erscheint am Pult, faltet sein Buch auseinander und die murmelnde Menge verstummt. Die ersten Worte seines Nachrufes, lassen meiner Mutter und meinem Sohn die Tränen herabrinnen. Die anderen versuchen sich zurückzuhalten und schaffen es bis zu ihrer persönlichen Belastungsgrenze; bis auch bei Ihnen die Trauer siegt. Die Zeremonie ist nach wenigen Stunden vorbei und am Ausgang nehmen alle ein letztes mal Abschied. Auf dem Sarg, ein Bild von mir aus besseren Tagen. Von den meisten bekomme ich eine Rose und Sie verabschieden sich mit persönlichen Worten, ein letztes mal. Beim verlassen der Kirche, ist jeder seiner Trauer überlassen…
Markus Schwalbe
Meine Beerdigung,
ist Ostern, sagt Sofie. Und küsst mich. Auf den Mund. Ohne Zunge. Ein Vögelchen.
Ihr Atem schockiert mein Herz.
Ad hoc und schmerzvoll fühle ich Aufregung und Liebe.
Wieso Beerdigung.
Du hast doch meine Beine gesehen.
Ja. Sofies Beine sind … na ja. Viele Narben. Wenn ich sie berühre, muss ich schlucken, damit ich mit ihr schlafen kann.
Sie lächelt wieder. Ich habe meine Beine kaputtgemacht. In der Mittagspause: Schule, Uni, jetzt im Büro. Ich habe in meine Oberschenkel und in meine Waden gebissen.
10 Jahre, in der jeweiligen Toilettenkabine. Guck, meine kleinen Zähne. Guck.
Oh Gott, wie sie das so sagt. Sofie, mein Schatz.
Nein, es ist gut. Ich lächle weil, sagt sie. Ich höre jetzt auf. Ich werde meine Haut in Frieden lassen. Ich schaffe die Selbstbeißerin ab. Ich wollte sie sprengen, vernichten zerschlagen. Sie ging nicht tot. Sie liebt die Gewalt und gewinnt noch an Kraft, wenn ich sie angreife. Nichtbeachtung braucht sie zum Sterben und sie stirbt langsam. Noch in ihren letzen Zügen will sie mich verführen, flüstert und kitzelt mich. Ich darf nicht kratzen! Muss sie sterben lassen. Tod durch Ruhe, durch Hasslosigkeit.
Die frisch geborenen Tiere der Region sind die Gäste auf meiner Beerdigung: Osterlamm, Entenkücken, Maikätzchen, junge Hasen und noch graue Schwäne. Es ist aus- läuten die Osterglocken. Ding dang.
Ihre Beerdigung ist Ostern überlege ich. Da küsst sie mich wieder. Auf den Mund. Ein bisschen Zunge fühle ich auch, kleine warme Zungenspitze von Sofie. Ein Vogel.
Johanna Dishur
Das wär mein Tod, wenn meine Beerdigung mein Tod wär.
Hannes Liebner
Horizontale Linie. Links ein Stern -rechts ein Kreuz. Geburt und Tod. Dazwischen meine Zeit, gelebt und noch zu leben. Wo befinde ich mich auf dieser Lebenslinie?
Mit fünfzig jenseits der Mitte? Kurz vor dem Tod? Habe ich noch Zeit? Als Rheinländerin werde ich sterben. Gibt es ein „sein“ danach? Fließend, in sanften Schwüngen dem großen Ganzen entgegen? Hier und dort verweilen, staunen – weiter fließen in das Meer der Ewigkeit?
Passt mir nicht, in der Erde zu liegen. Möchte nicht in Staub zu Staub zerfallen. Sehnsucht, in den Elementen aufzugehen, die mein Leben bestimmen.
Feuer: Leben. Leidenschaft. Hingabe. Flammen verwandeln meine tote Hülle. Vorbereitung für das nächste Element: Luft. Frischer Wind, der meine Haare zerzaust: Freiheit. Ideen. Fantasien. Meine Asche weht hinauf ins Blau und sinkt hinab für immer.
Rhenus Fluvius est. Der Rhein nimmt meine Asche in sich auf. Trägt sie weit mit sich fort. Hier und da wird etwas von mir bleiben. An den Ufern des Flusses, an dem ich so gern verweile. Wer wird mich bis dahin begleiten? – Vielleicht die Lebenden, die schon jetzt ein Stück des Weges mit mir gemeinsam gehen, mich schätzen oder lieben?
Seid nicht zu traurig, wenn ich vorangehe. Wir werden uns wiedersehen!
Andrea Schweinsberg
Schallendes Gelächter. Und nein – gehört habe ich davon keinen Ton. Aber gesehen. Wie die drei Jungs mit ihren Schulranzen sich gebogen haben. Vor Lachen. Und gespürt habe ich es. War ich doch der Hauptdarsteller, dieser kleinen Vorstellung. Und somit das Ziel ihres Spottes.
Es muss ein gar lächerlicher Anblick gewesen sein. Eine Straßenbahn hat hinten keine Wahrnehmung. Weil der Fahrer doch am anderen Ende sitzt und in die andere Richtung schaut. Mit einem Panikspurt loszurennen – dabei eine dumme Fratze zu schneiden – und dann, der darauf folgende ganzkörperliche Enttäuschungsausdruck, wenn sie im letzten Moment die Türen schließt und wegfährt … die Jungs haben getan, was sie konnten. Mit den Fingern auf mich gezeigt und sich herzlich amüsiert.
Was sie nicht wussten, ist, dass sie mein Leben verändert haben.
Das ist nun schon über zwanzig Jahre her.
Am Abend bin ich dann auf dem Balkon gesessen. Mit einem Glas Wein. Über die Zeit nachdenkend – über meine. Und dann habe ich dieses Gefühl – die empfundene Zeitnot – einfach für tot erklärt. Hab es zu Grabe getragen. Beerdigt. Es verbuddelt. Unter all den anderen nicht fühlenswerten Gefühlen. Unter dem Stolz, der Missgunst und dem Neid. Ein stilles Begräbnis erster Klasse war es. Ganz feierlich war mir dabei zumute.
Und was soll ich sagen. Ich habe die Zeitnot seither kein einziges Mal vermisst. Es lebt sich prächtig ohne.
Stefan Unser


