Die Aufgabe der 3. Schreibaufgabe lautete:
»Ihr erstes Buch – eine fiktive Literaturkritik«
Hier sind die besten Beiträge:
Die Handlung dieses kunstvoll konstruierten Roman-Debüts setzt im Jahre 1807 ein. Erzählt wird die Geschichte der fünfzehnjährigen Lotte, die in einer Kleinstadt in der Nähe von Kassel lebt. Die Franzosen haben gerade das Land besetzt, französische Truppen streifen durch die nordhessischen Wälder. Bei einem unerlaubten Ausflug in den Wald kann Lotte einem Trupp französischer Soldaten nur knapp entkommen. Gerettet wird sie von einer merkwürdigen Reisegesellschaft. Drei Brüder ziehen von Ort zu Ort, um Geschichten zu sammeln. Weil Lotte lieber mit den Brüdern reisen möchte als wieder nach Hause zurückzukehren, beginnt sie Geschichten zu erfinden. Es ist ein bisschen wie tausendundeine Nacht in Nordhessen mit einem Schuss Grimms Märchen. Bei den Brüdern handelt es sich natürlich um die Gebrüder Grimm. Auch wenn es der Autorin gelingt, ein glaubhaftes Zeitbild zu zeichnen, so geht es ihr doch nicht um die Erzählung einer historischen Begebenheit. Denn die Begegnung zwischen Lotte und den Brüdern ist reine Erfindung. Es geht vielmehr um das zeitlose Thema, wie man seinen Platz in einer Welt findet, in der man sich fremd fühlt. Die sensibel gezeichneten Charaktere helfen dem Leser, diesen Kampf, den außer Lotte auch die Brüder Grimm führen, nachzuempfinden.
Verena Juette
”Der kleine weiße Dampfer, der an einem Sommermorgen von Stockholm kommend über weite Fjorde und durch schmale Sunde steuerte, vorbei an hunderten von grünen Holmen und tausenden von grauen Schären, fuhr zur Insel Saltkrokan …”
Ich kannte die Worte auswendig, lange bevor ich lesen lernte, hatte die Tonbandkassette so oft angehört, dass die Stimmen der Sprecher schließlich kaum mehr von den stetig lauter werdenden Rausch- und Knackgeräuschen zu unterscheiden waren. Später lieh ich mir das Buch, das mit diesem Satz begann, in der Bibliothek aus und las darin, bis sich die Seiten aus dem Einband zu lösen begannen. Die Frau, die mich von dem Foto auf dem Buchrücken anblickte, hatte ein Gesicht wie ein runzeliger Apfel und ein Lächeln, in dem die ganze Welt Platz zu haben schien, ein Lächeln, das gleichsam von innen her wärmte, wie auch ihre Worte es taten. Diese Worte verzauberten mich von Anfang an und ließen mich nie mehr los. Ich wusste: Dort wollte ich hin. Dorthin, wo der Himmel so weit war wie das Meer, der Wind rau und die Menschen freundlich auf ihre ganz eigene, direkte und ungeschliffene Art, die mir gefiel. Nach Norden zog es mich.
Sie war es, die das Fernweh in mir weckte, die Sehnsucht nach dem Abenteuer meines Lebens, denn sie war die größte Geschichtenerzählerin der Welt.
Tabea Petersen
Es gibt sie, die geistige Blondheit. Daran besteht kein Zweifel. Sie ist uns unentbehrlich, wollen wir dem Leben täglich Freudvolles abtrotzen. Die Gutlinge sind nichts weiter, als liebenswerte alte Bekannte. Und das Vögelmärchen? Welcher bierschwanger-begattungsnotständige Supermann hat es nicht schon selbst erzählt – schulterklopfend, am Tresen.
‘Der nackte Mann in deiner Küche’ von S. J. Noster ist selten das, was man erwartet. Wer dem Worte nur seine Wörtlichkeit gewährt, der wird sich dem Buchtitel folgend vergeblich auf die Suche nach dem deplaziert Unbekleideten machen.
Die Fährten, auf die der Autor seine Leser lockt, führen immer wieder um die Ecke. Vorbei an Spiegeln, die zuweilen aus dem scheinbaren Nichts auftauchen. Spieglein allenthalben. Nicht selten hat man sich schon belächelt, noch bevor man sich darin zu erkennen vermag. Auf wortcharmante Weise verführt – oder manchmal geradezu willig verschleppt – findet sich der Leser mit einem Menschen konfrontiert, dessen Gedanken ihm bestens vertraut sind. Sich selbst.
Das die Lachmuskulatur strapazierende und zuweilen opulente Wortmahl, mag nicht jedem leicht verdaulich sein. Wer jedoch den mit ‘Darmes Druck anal geflöteten und schwefelwürzig abgetönten Flatus’ präferiert – ihn dem ‘banalen Furze’ vorzieht, den erwartet ein Lesestück der besonderen Art. Dass der Autor im Vorwort deutlich auf die Gefahr drohenden Leseschmerzes hinweist, kann in diesem Falle vernachlässigt werden.
Stefan Unser
Zu keiner Regung fähig fixierte ich den Posteingang meines Mailprogramms. Sooft ich auch den »Senden/Empfangen«-Button betätigte, es tat sich nichts. Melanie, meine Lektorin, hatte mich in der frühen Morgenstunde mit der Nachricht „der Vorabdruck von Mello Bollers Kritik zu meinem Erstling liegt vor“ aus meinem süßesten Traum gerissen. Mit den Worten „Ich mails dir gleich“ legte sie auf. Ich sprang aus dem Bett und stürzte zum Computer. Mit wackligen Knien musste ich mich am Schreibtisch festhalten, bis das Rauschen in meinen Ohren nachließ. „Puh, lass es was langsamer angehen“, murmelte ich und tippte mein Passwort ein. Eilig rief ich meine Mails ab und las die Absender. Doch Melanies war nicht darunter.
Unter der Dusche kreisten meine Gedanken nur um eins: Ausgerechnet Mello Boller, der bissigste aller Literaturkritiker. Schwadronen von Erstlingswerken zogen an mir vorbei. Verrissen durch höhnische Kritik. Hoffnungsvolle Autoren, deren aufgehender Stern verglühte, sobald sie in seine Fänge gerieten. Und ich war sein nächstes Opfer.
Mit einem „Pling“ kündigte mein Mailprogramm die eingehende Nachricht an. Melanies! Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Mit zitternden Fingern öffnete ich die Mail, überflog Melanies Erklärungen und verstand doch nichts. Der Anhang popte auf und ich begann zu lesen. Ungläubig las ich noch mal. Ich lachte, lachte, lachte und lachte. Die Tränen aus den Augen wischend, dachte ich: Mello Boller, du bist der Beste.
Patricia Heinen
Was hat sie sich bloß dabei gedacht. Erst sieht und hört man jahrelang nichts von ihr, und dann das. Wenn sie wenigstens nicht ihren eigenen Namen benutzt hätte. Hätte ihr doch nicht wehgetan. Aber so! Wie stehen wir jetzt da, das Dorf, die Familie, ihre eigene Mutter! Als hätten wir was dafür gekonnt! Dabei war sie nicht mal die einzige. Das Mädchen vom Bäcker soll ja auch dabei gewesen sein, die Kleine vom Schmidt und noch ein paar. Aber die haben das anscheinend besser verkraftet, besser als unsere – und wir, wir können jetzt nicht mehr vor die Tür. Sogar das Fernsehen stand im Hof! Und wer da immer anruft. Ans Telefon gehen wir ja nicht mehr, aber das klingelt in einer Tour. Und die Briefe – ach, reden wir nicht davon. Die Leute müssen sich immer in Angelegenheiten mischen, von denen sie keine Ahnung haben. Der Herr Kaplan, der hätte sich sowas nicht bieten lassen, der hätte denen ordentlich Bescheid gestoßen. Aber den können sie ja nicht mehr anrufen, der ist unter der Erde. Hat seinen Frieden. Nur unsereins … Das hat sie gewußt. Mit Absicht hat sie das gemacht. Um sich zu rächen für eine Sache, die nun schon zwanzig, ach, vierundzwanzig Jahre zurückliegt. Und das Buch, klar, das verkauft sich wie geschnitten Brot, gerade jetzt. Gelesen habe ich es nicht, haben wir alle nicht; kommt mir gar nicht ins Haus. Aber menschlich, das muß ich wirklich sagen, menschlich ist das unter aller Sau. Für sowas habe ich kein Verständnis.
Lakritze Schwarz
Selten ist ein Debüt so gelungen. In wortmächtigen Passagen werden hier Seelenzustände freigelegt, aller Hybris entmachtet. Kein Pleonasmus unterbricht den Lesefluss, ein eigener Ton wird angeschlagen in hoher Klangmusikalität. Dieser Roman ist ein Genrebild der Generation zeitgenössischer Sinnsuchenden, dessen Kernmotiv der Überlebenswille ist. In überraschenden Bildern, in spielerische Metonymie gesetzt, mit jedem Hyperbaton, welches entzückt, gewinnt der Roman an Tempo und Spannung, verliert jedoch nichts an Eleganz und Stimmung. In feinsinnigem Humor, geschliffen ausformuliert wie in einer italienischen Fazetie, gelingen selbst die erotischen Passagen zu einem lyrischen Glanzstück. Die Geschichte ist zweifellos nicht neu erfunden, aber neu gesetzt, in schönste Worte, Wendungen und beeindruckende Bilder. Solch literarisch satisfaktionsfähige Erstlinge beleben die literarische Welt und sind preiswürdig in jeglicher Hinsicht.
Ricarda Eicher
Das Loch
Tom ist glücklich – zu glücklich? Er führt ein Bilderbuchleben, bis zu jenem verhängnisvollen Ereignis. Er fällt in ein Loch: Ein doppelbödiges Spiel beginnt, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen. Je weniger Spielraum Tom im Loch hat, umso mehr Raum bekommt seine Vorstellungskraft. Kann er sich selbst befreien? Wie übersteht er die hoffnungs- und aussichtslose Situation? Wo ist sein Glück geblieben?
Man mag sich fragen, was an einer Geschichte spannend sein soll, die sich in einem Loch abspielt? Doch wer sich auf das Lesen einlässt, kann sich dem Zauber der Sprache und dem Sog der Geschichte nicht mehr entziehen. Fischers Erstlingsroman ist so rasant erzählt, dass man beim Lesen den Fahrtwind im Gesicht spürt. Es riecht nach Popcorn, weil das Weiss zwischen den Zeilen zur Kinoleinwand wird, sich mit den Bildern füllt, hervorgerufen von einer präzisen Sprache, in der kein Wort zuviel gesetzt ist.
Fischer zeigt in seinem Roman, dass das Glück keines Schmiedes bedarf – ein Loch genügt.
Gabriel Fischer
DIES IST EIN BUCH – NIE SAH ICH SEINESGLEICHEN.
Der Roman “Paradiesvogel” von Anna Rybinski verdient diese Akklamation im wahrsten Sinne des Wortes. Hier wird ein stilistischer Reichtum par excellence dargeboten: die kernige Einfachheit von Dürrenmatt, die empfindsame Beobachtungsgabe von Böll und die subtile Ironie von Thomas Mann zusammen – man denke!
Die Geschichte? Na ja, sie ist nur eine lahme Ente, allerdings mit schillernden Federn geschmückt, die geliehen sind.
Rybinski hatte nämlich hemmungslos abgeschrieben.
Die Beschreibung eines Liegestuhles machte mich so stutzig, dass ich nachschauen musste: natürlich Zauberberg, viertes Kapitel. Gleich startete ich eine systematische Suchaktion bei den verdächtigen Passagen und wurde überall fündig. Was für ein Pech für sie, dass ihre Favoriten auch meine Favoriten sind!
Offensichtlich steht sie stark unter dem Einfluss der oben genannten Autoren und konnte der Versuchung nicht widerstehen; dabei machte sie die Sache so raffiniert, dass ihr ein kleiner Schweizer Verlag auf den Leim ging.
Wäre sie auch bei einem Großen durchgekommen? Ich fürchte ja, sogar ihre Nomination für den Leipziger Buchpreis hätten wir erleben können.
O tempora, o mores! Gibt es ausser mir niemanden mehr auf der Warte?
Marcella Reich Radetzky
Ein Geständnis noch:
Ich habe auch abgeschrieben. Der wunderbare erste Satz dieser Rezension stammt leider von Thomas Mann.
Anna Rybinski
Noch bunter, noch schriller, noch skandalöser, noch aufregender, so sollen neue Bücher sein. Damit sie überhaupt eine Chance haben, gelesen zu werden. Der erste kleine Band von E.I. – „Sie + Er + Er + Sie“ – wagt es trotzdem, ganz anders zu sein. Genau und präzise beschreibt die Autorin. Menschen, Situationen, das Zusammen Leben. Unaufgeregt und normal. Mitunter schmerzt es. In den Geschichten das eigene Tun und Handeln so gespiegelt zu sehen. Und man wird nach dem Lesen dieses kleinen Werkes nicht mehr mit demselben gelangweilten, alles kennenden und alles wissenden Blick auf sein eigenes Leben schauen. Sondern neugierig, wo sich im Eigenen die kleinen, unaufgeregten Überraschungen zeigen. So dass sie geschehen wollen. Und können. Jene kleinen Geschichten im eigenen Leben. Die es so besonders machen.
E. I.
Niemand in seinem Umfeld wusste es. Monatelang verschanzte er sich, mied den Kontakt zu Freunden und gab sich seiner Passion hin. Sein erster Roman sollte ein Klassiker werden. Beendet, tausend Mal verändert, immer wieder durchgelesen, fehlte ihm über Wochen der Mut, sein Buch an einen Verlag einzusenden. Überwunden, eingesandt, frustriert nach der zwölften Absage, fand er einen Verlag, der sein Meisterwerk druckte. Groß war seine Freude. Dann die Ernüchterung, kaum eine Resonanz in der Öffentlichkeit. Dieses Ignorieren seiner Arbeit zerrte an seinen Kräften. Endlich die Erlösung, eine bedeutende Zeitung wollte sich in ihrem Feuilleton seinem Werk widmen. Diese Literaturkritik würde ihn über Nacht berühmt machen. Nicht dass er die Menschenmenge suchte. Er hatte unter einem Pseudonym geschrieben. Aber ein so grandioses Buch konnte man der Menschheit nicht vorenthalten. Gespannt wartete er an diesem Morgen auf die Zeitungszustellerin.Mit zittrigen, schweißgebadeten Händen blätterte er zum Kulturteil. Die Wahrheit traf ihn wie ein Blitz. Ein kleiner, unscheinbarer Artikel verriss sein Buch schmerzhaft. Was bildete sich dieser Rezensent ein? Wer war er? Besaß dieser Buchkritiker überhaupt keine Moral und kein Gewissen? Wie konnte er nicht erkennen, dass es sich bei seinem Erstlingsroman um einen Welthit handelte?
Nur wenige Leuten lasen diesen Artikel. Es handelte sich um eine Momentaufnahme, welche einen Tag präsent war. Für ihn war es das erste Echo zu seiner Arbeit. Vernichtend, ablehnend, brutal,…
Judith Thoma



