«Die Ausschreibungen laufen seit einer Woche», fuhr er fort. «Ganzseitige Inserate in Zeitungen, Magazinen und natürlich tägliche Dreißig-Sekunden-Spots bei uns. Einsendeschluss in einem Monat. Wir wollen die, die schon lange schreiben, die Geschichten in der Schublade haben, die schon lange davon träumen, Schriftsteller zu sein. Nicht die, die jetzt schnell was hinschmieren, nur um im Fernsehen aufzutreten. Wir rechnen mit Tausenden von Einsendungen. Die erste Sendung befasst sich mit der Vorauswahl. Das heißt, dazu werden auch Leute eingeladen, von denen wir schon wissen, dass wir sie ablehnen.»
»Und die Kandidaten? Wissen die das auch?» «Natürlich nicht!» Michelle Schlüpfer schüttelte den Kopf über meine Naivität. Woher sollte ich so etwas wissen? Ich hatte nicht einmal einen Fernseher. Das würde ich hier besser nicht erwähnen. «Nein, das wissen sie nicht», erklärte Buchholz geduldig. «Es ist eure – und unsere – Aufgabe, neben den besten auch die schlechtesten Texte zu bestimmen. Die treten dann in der ersten Sendung zum öffentlichen Vorlesen an – obwohl natürlich schon feststeht, wer in die SchreibFabrik einzieht und wer nach Hause geschickt wird.»
Das schien mir gnadenlos. Aber ich sagte nichts. Buchholz verteilte unterdessen die Rollen: «Michelle, du bist die Intellektuelle, von dir wird scharfe, aber intelligente Kritik erwartet, gebrauche ruhig Fremdwörter. Gianni, du bist der Geschäftsmann, du argumentierst von Verlagsseite her, mit Produktionskosten, Zielgruppen und Verkaufszahlen. Mimosa schließlich, du …» Er konnte mich nicht ansehen.
«… bringst einen erotischen Touch in die Sendung?», fragte Wolfensberger. Er schnaubte. «Da hätte man aber auch was Jüngeres aufbieten können. Was fürs Auge! Anja Müller zum Beispiel.» Eine Nachwuchsautorin aus seinem Programm. »Die schreibt aber nicht über Sex», sagte Schlüpfer gelangweilt. Ich auch nicht, wollte ich sagen. Buchholz’ Ohren leuchteten rot. «Du bist die wild card, das meine ich, deine Rolle ist es, als Künstlerin zu argumentieren, als Freigeist, verstehst du?» «Kannst du überhaupt damit umgehen, dass wir hier sozusagen deine Konkurrenz heranzüchten?», unterbrach Schlüpfer.
«Meine Konkurrenz?» Wenn überhaupt, würde ich meine Stofflieferanten der Zukunft heranzüchten. Als Lesesüchtige konnte es für mich gar nicht genug Bücher geben. Doch wie sollte ich das formulieren, ohne wie eine Idiotin zu wirken? Zum Glück war niemand an meinen Ausführungen interessiert.
«Ihr werdet alle auch privat mit Einsendungen zugemüllt werden», warnte Buchholz. «Ich rate euch dringend, euch für die Dauer der Ausschreibung ein Postfach zuzulegen. Direkt zugestellte Texte können nicht berücksichtigt werden. Das werden wir klar und deutlich deklarieren, aber es wird die Leute nicht davon abhalten, ihr Glück zu versuchen. Ihr müsst damit rechnen, auch privat belästigt zu werden. Zieht für einen Monat in ein Hotel. Stellt einen Bodyguard an.
Lacht nicht: Jeder will ein Buch veröffentlichen. Unterschätzt das bloß nicht. Jedermann und seine Putzfrau haben schon einen Roman geschrieben!» Wolfensberger grinste, Schlüpfers Näschen kräuselte sich verächtlich, und plötzlich wurde ich wütend. Ich stand auf und raffte meine Sachen zusammen, stopfte sie in meine Schultertasche. «Genau», sagte ich. «Meine Putzfrau kann tatsächlich schreiben!»
Milena Moser
Möchtegern
Roman
Nagel & Kimche
464 Seiten, Fester Einband
ISBN: 978-3-312-00452-2
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